Computereinsatz
im Englischunterricht:
Das
Auricher Gymnasium Ulricianum übernimmt Pionierfunktion
von
Reinhard Donath, Gymnasium Ulricianum Aurich
Mai
1995: ganzseitige Anzeigen der Deutschen Telekom in allen überregionalen
Tageszeitungen und Magazinen verkünden: „Heute auf dem
Stundenplan in Aurich: Englisch in der Bronx.“ Im Text unter einem
großen Foto eines typisch amerikanischen Schulbusses ist dann
folgendes zu lesen:
„Cool“,
meint der 11 jährige Argelis aus der South Bronx in New York,
„was die wieder schreiben.“ „Die“ sind seine neuen Freunde
in Deutschland, Schüler in der ostfriesischen Kleinstadt Aurich.
Und „die“ erleben seit gut einem Jahr fasziniert den
spannendsten Englischunterricht ihres Lebens: elektronische
Kommunikation über globale Netze.
Da
hat sich die Werbeagentur der Deutschen Telekom also das
Aurich-Bronx-Projekt zunutze gemacht, das seit einiger Zeit immer
wieder in den Medien auftaucht, sei es in einer Titelgeschichte des
Spiegel oder in mehrfacher Fernsehberichterstattung auf
verschiedenen Kanälen. Das Gymnasium Ulricianum in Aurich, so könnte
man aus den Medien schließen, macht keinen normalen
Englischunterricht mehr, sondern setzt nur noch Computer ein, um in
der Fremdsprache mit Schülern weltweit zu kommunizieren. Das stimmt
so ausschließlich natürlich nicht, aber was läuft denn nun tatsächlich
im fast 350 Jahre alten Auricher Gymnasium ab?
März
1989: Das Gymnasium ist, wie fast alle anderen niedersächsischen
Schulen auch, mit Computern ausgestattet, die einerseits für den
Informatikunterricht genutzt werden, aber auch in anderen Fächern
zur Anwendung kommen, sei es in Erdkunde, Biologie, Englisch oder
Musik und Kunst. Seit Jahren sind Lehrkräfte des Gymnasiums in
verschiedenen Modellversuchen des Niedersächsischen
Lehrerfortbildungsinstituts Hildesheim aktiv. Aufgabe der
Kommissionen ist es, Unterrichtseinheiten für den sinnvollen
Einsatz von Computern und Programmen in konkreten
Unterrichtssituationen zu entwickeln und zu erproben. Seit Anfang
der 80er Jahre, als bundesweit das Konzept einer informations- und
kommunikationstechnologischen Grundbildung die Antwort auf das
Vordringen der Computer ins tägliche Leben war, ist das Gymnasium
bereits Modellversuchsschule.
Im
März 1989 jedoch wird den Informatiklehrern etwas mulmig: Fast 50
Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgängen 9-13 tummeln sich in
beiden Computerräumen und zwei benachbarten Klassenräumen, um
innerhalb eines Tages eine sechsseitige englischsprachige
Tageszeitung zu erstellen. Das Ulricianum nimmt zum ersten Mal an
einem International Newspaper
Day teil.
International
Newspaper Day
Seit
1985 wird jährlich von CAMPUS 2000, einem englischen
Computernetzwerk für Schulen, zusammen mit der Londoner TIMES der International
Newspaper Day veranstaltet. Die teilnehmenden Schulen erhalten
ab 9 Uhr morgens über Computer, Modem und Telefonleitung aktuelle
Agenturmeldungen der Times, aber auch von deutschen und französischen
Presseagenturen. Ziel ist es, am Abend eine englischsprachige
Zeitung in den Druck zu geben, die am nächsten Morgen verkauft
wird. Die erste Ausgabe der THE ULRICIANUM TIMES entsteht am 8. März
1989 in einem fürchterlichen Chaos von Notizblöcken, Disketten und
Wörterbüchern, aber um 18.00 Uhr gehen sechs Zeitungsseiten in den
Druck zur Lokalzeitung. Dank der Unterstützung dieser Zeitung und
einiger Auricher Firmen werden die Druckkosten für eine Auflage von
Tausend Exemplaren abgedeckt, die am nächsten Morgen in der Schule
und der Innenstadt von den begeisterten Schülern der Zeitungstruppe
verkauft werden. „THE
ULRICIANUM TIMES, the only English newspaper in town. Latest
news from all over the world!“, klingt es allerorten: Eine nunmehr
sechsjährige Zeitungsgeschichte hat ihren Anfang genommen.
Vier
Wochen später die Sensation: Wir haben mit unserer ersten Ausgabe
den Wettbewerb gewonnen, der mit dem International Newspaper Day
verbunden ist, und gewinnen den First European Prize: Eine Einladung zur Preisverleihung ins
Londoner Science Museum, eine vergoldete und gerahmte Titelseite
unserer Zeitung und einen nagelneuen Computer. Dieser Erfolg spornt
die Schüler und meinen Kollegen Hans-Jürgen Westermayer und mich
so an, daß eine Arbeitsgemeinschaft gegründet wird, die die
technische und sprachliche Qualität der THE ULRICIANUM TIMES
verbessern will. Das ist auch gelungen, denn mit der zweiten Ausgabe
gewinnen wir im Herbst 1989 den First International Prize, der wiederum mit einer Einladung nach
London verbunden ist. Weitere Ausgaben folgen, die immer von der
Londoner Jury, aus TIMES-Redakteuren bestehend, hoch gelobt werden,
aber der dritte Gewinn läßt bis zur neunten Ausgabe im März 1995
auf sich warten, schließlich ist auch die Konkurrenz immer besser
geworden. Mittlerweile sind viele Fachaufsätze und Seminararbeiten
über die Auricher Aktivitäten im Rahmen des International Newspaper Day geschrieben worden, in lokalen und
überregionalen Tageszeitungen, Radio-
und Fernsehberichten ist der spannende Entstehungsprozeß
einer englischsprachigen Tageszeitung dargestellt worden, selbst
von einem Spiegel-Reporter wurden wir einen Tag lang beobachtet.
Stolz sind die Schülerinnen und Schüler jedesmal auf ihr fertiges
Produkt, das in der deutschen Zeitungslandschaft einmalig ist. Und
wenn sie dann noch, wie beim dritten Gewinn mit der Ausgabe vom März
1995, in der TIMES gelobt werden, haben sie auch guten Grund dazu:
„The
international category was won by The
Ulricianum Times, from Gymnasium Ulricianum in Aurich, Germany,
with a level of English writing higher than many of the UK entries“
(Times Educational Supplement, 26. 5.
19995).
Der
Computereinsatz spielt bei diesem Projekt nur eine untergeordnete
Rolle. Wichtiger sind: Anwendung der englischen Sprachkenntnisse,
interessante Artikel schreiben, Themen recherchieren und darstellen,
mit anderen zusammenarbeiten, graphische Fähigkeiten entwickeln,
Anzeigen akquirieren und vor allem: unter Zeitdruck
ergebnisorientiert arbeiten. Wir freuen uns jetzt schon auf die 10.
Ausgabe der THE ULRICIANUM TIMES.
aus: Festschrift 350 Jahre
Ulricianum (1996)
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